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Mareit, am 8. November 2009
Wir gedenken heute der Gefallenen aller Kriege und der Opfer von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Völkern, anlässlich des 200jährigen Gedenkens an den Tiroler Volksaufstand von 1809 besonders dessen Opfer auf beiden Seiten. Auch das Gebiet um Sterzing war damals Kriegsschauplatz, wenn wir nur an die heftigen Kämpfe in der Sachsenklemme denken. Die Verteidigung der Südgrenze im 1. Weltkrieg nimmt in der Geschichte eine besondere Stellung ein, auch wenn wir sagen müssen, dass alle Kriege am Ende nur Verlierer kennen. Obwohl unsere Vorfahren heldenmütig gekämpft haben und den Feind mit letzter Kraft an einem Einmarsch ins Land hindern konnten, fiel am Ende das Land Tirol dennoch in die Hände des Feindes. Wir haben viele Landsleute aber auch an anderen Fronten, in Galizien, in den Ardennen und anderen Teilen Europas zu beklagen.
Es ist viel junges Blut geflossen, oftmals weit weg von der Heimat. Seit 90 Jahren sind wir gegen unseren erklärten Willen bei diesem Staat. Die Großen der Welt haben es mit uns nicht gut gemeint. Sie sind der List der Italiener auf den Leim gegangen und haben dessen Bündniswechsel bereits im April 1915 belohnt. Der Londoner Geheimvertrag sicherte Italien zu, Tirol südlich des Brenners zu erhalten, wenn es dem Dreibund den Rücken kehrt und auf die Seite der Alliierten wechselt. Die Geschichte ist bekannt und wir werden den 1. Weltkrieg nicht mehr gewinnen, auch wenn wir noch so sehr im Recht waren. Vor der Geschichte können unsere Vorfahren jedoch bestehen. Sie verlangen auch den Gegnern von damals Respekt ab und können mit der Gewissheit ruhen, das Beste für ihr Land getan zu haben.
Wir gedenken der Gefallenen des 2. Weltkrieges. Viele Tiroler kehrten nicht mehr heim und ruhen in der Erde des weiten Russland, am Polarkreis, in Frankreich oder sonst wo.
Wir gedenken aber auch jener Männer und Frauen, die in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ihr Leben für die Heimat geopfert haben. Ein Urteil darüber fällt wohl deshalb so schwer, weil handelnde Personen dieser Zeit noch am Leben sind.
Wir müssen uns heute aber fragen, ob wir dem Andenken der Gefallenen gerecht werden. Sie haben nicht gefragt, was die Heimat für sie tun kann. Für sie war es selbstverständlich, für das eigene Land alles zu geben – wenn es sein musste, auch das eigene Leben. Niemand wollte Held sein, aber viele sind zu Helden geworden. Konrad von Delmensingen, der Befehlshaber des Deutschen Alpenkorps, das den Tiroler Landesverteidigern in den Dolomiten zu Hilfe kam, sagte einmal, es sei ihm kein Volk bekannt, das so heldenhaft unter so extremen Bedingungen und Entbehrungen gekämpft habe wie die Tiroler in diesem Gebirgskrieg. Es ist bekannt, dass dieser Krieg an der Südfront mehr Opfer durch Lawinen, Kälte und Krankheiten gefordert hat als durch feindliche Kugeln. Wer je die Photo- und Geschichtsdokumentationen von der Ortlerfront oder der Dolomitenfront gesehen hat, muss einerseits in Ehrfurcht vor den Leistungen der Abwehrkämpfer erstarren, andererseits aber vor Wut entbrennen, was man von Menschen abverlangt hat. Wir sind heute tief beeindruckt von den Leistungen unserer Tiroler Standschützen, wir sind aber auch tief betroffen über die europäische Politik, die diesem Krieg vorausgegangen ist. Wenn Clausewitz den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln verstand, so müssen wir heute sagen, dass in Wahrheit die Politik versagt hat. Zu allen Zeiten mussten die einfachen Bürger die Zeche dafür bezahlen, dass die herrschende Klasse ihren Hunger an fremdem Besitz stillen und ihre Macht ausbauen wollte. Dabei haben die Menschen zu allen Zeiten den Frieden geliebt. Über den Gräbern wollen wir ein Zeichen des Friedens setzen, indem wir einerseits der Gefallenen gedenken und andererseits beteuern, nie wieder Erfüllungsgehilfen für so genannte höhere Interessen sein zu wollen. Wir sagen NEIN zum Krieg und JA zum Frieden. Aber Frieden setzt Gerechtigkeit voraus und dem Tiroler Volk ist wahre Gerechtigkeit leider vorenthalten worden. Dazu gehört auch, dass wir niemals unseren Wunsch äußern konnten, wo und wie wir unsere politische Zukunft gestalten wollen. Wenn wir der Gefallenen des 1. Weltkrieges gedenken, können wir uns an dieser Frage unmöglich vorbeischwindeln. Natürlich hat sich in den vergangenen 90 Jahren viel geändert und verändert. Bleiben muss aber das Bekenntnis, das der Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer im Jahr 1965 anlässlich eines Standschützen-Gedenkens gesagt hat:
Wenn auch die Mächtigen der Welt gegen das Recht und gegen den einmütigen Willen des Tiroler Volkes die staatlichen Grenzen anders gezogen haben, wenn so scheinbar der beispiellos heldenmütige Kampf der Tiroler Standschützen und ihrer Kameraden in den Tiroler Bergen vergeblich war, die Stätten, wo sie gekämpft haben und wo sie gefallen sind, bleiben nach wie vor die unverrückbaren wirklichen Grenzen Tirols. Wir wissen, dass wir die staatliche Unrechtsgrenze nicht mit Gewalt ändern können. Aber niemand kann von uns erwarten, dass wir jemals das Unrecht Recht heißen und dass wir aufhören, leidenschaftlich unsere ganze Kraft einzusetzen für das Recht in Nord- und Südtirol.
Diese Worte von Eduard Wallnöfer möchte ich eindringlich allen Zeitgenossen ins Gedächtnis rufen. Wir dürfen nicht beim Erinnern und Gedenken bleiben, wir müssen die richtigen Schlüsse für unsere Zeit und für die Zukunft ziehen. Durch den EU-Beitritt unseres Vaterlandes Österreich zur EU im Jahre 1995 sind die Tiroler Landesteile wieder näher zusammengerückt. Zumindest auf dem Papier. Aber in der Wirklichkeit? Ich bin gespannt, was das heurige Tiroler Gedenkjahr diesbezüglich bewirkt. Es ist schade, dass die vielen Möglichkeiten, die sich uns bieten, nicht genützt werden und es ist unverzeihlich, wie die Trennung von den eigenen Leuten vielfach noch unterstützt wird. Die Gefallenen müssen sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen, dass wir heute nicht selten Wein predigen und Wasser trinken. Wie ist es möglich, dass Südtiroler über Österreich blöde Witze reißen? Das kann doch nur auf mangelnde Geschichtskenntnisse beruhen und auf Oberflächlichkeit. Die Südtiroler sind sicher einverstanden, wenn Europa zusammenwächst und wenn ehemalige Feinde zu Partnern werden. Sind sie aber auch einverstanden, wenn aus diesem Europa ein Schmelztiegel von Völkern gemacht wird, wenn die Regionen nichts mehr zählen und nur noch das Kapital unter der Aufsicht Amerikas zählt und schafft? Sind die Südtiroler einverstanden, dass in Brüssel entschieden wird, was in eine europäische Verfassung hineingeschrieben wird oder wollen sie darüber auch mitbestimmen? Die Zeiten haben sich geändert, der Hang der Großen, über die Kleinen drüberzufahren, ist aber geblieben. Und die Großen rechnen mit der Trägheit der Kleinen und mit deren Ohnmacht. Aber waren nicht auch die Tiroler von 1809 ohnmächtig gegenüber einem übermächtigen Feind? Sie haben das einfach ignoriert und den Kampf aufgenommen. Und heute? Haben wir noch einen Funken Mut und Vertrauen auf die eigene Kraft? Schielen wir nicht immer mit einem Auge auf einen Ausweg, um ja nicht Farbe bekennen zu müssen? Niemand will heute einen Krieg, niemand will ein neues Unrecht hervorrufen und niemand will nach meiner Überzeugung ernsthaft den Frieden aufs Spiel setzen. Wir haben hoffentlich erkannt, dass er zu wertvoll ist. Wenn wir aber dem Andenken der Gefallenen gerecht werden wollen, so müssen wir aus unserer Selbstgefälligkeit heraustreten und wieder Zivilcourage zeigen. Dies gilt nicht für die Verteidigung des Landes mit der Waffe in der Hand, sehr wohl aber für die Abwehr anderer Feinde. Diese sind vielleicht sogar schwerer zu bekämpfen, weil sie nicht immer und überall sichtbar sind. Was tun wir gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Zerstörung unserer Natur- und Kulturlandschaft? Verkaufen wir nicht unsere Heimat scheibchenweise, wo unsere Gefallenen noch keinen Zentimeter ausgelassen haben? In Zeiten des Feinstaubs und der Fahrverbote frage ich mich, ob unsere Heimat nicht von einem geistigen Feinstaub mehr bedroht ist, der sich unbemerkt in unserem Volk einnistet. Familienkrisen, Scheidungen, Kinderarmut, eine unkontrollierte Zuwanderung und ein hemmungsloser Egoismus sind weitaus gefährlicher als äußere, sichtbare Feinde. Wenn Jugendliche im Komasaufen einen Sinn sehen, müssen wir uns fragen, ob wir noch Werte vorleben oder ob wir versagt haben. Man sagt, es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Tun wir immer Gutes oder lassen wir uns von einem hedonistischen Zeitgeist anstecken, hoffend auf Applaus und Anerkennung?
Jede Zeit hat ihre Eigenheiten und die gute alte Zeit war nicht immer besser. Es schadet jedoch nicht, wenn wir bewährte Tugenden bewahren und neue Herausforderungen offen annehmen.
Im Gedenken an unsere ruhmreichen Vorfahren wollen wir ihr Werk zeitgemäß fortsetzen. Wir gedenken all jener Männer und Frauen, die sich mit ganzer Kraft für die Heimat Tirol eingesetzt haben. Wir gedenken der Gefallenen beider Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts und der Opfer der 60er Jahre. Sie alle verbindet ein gemeinsames Streben: der Einsatz für Recht und Freiheit. Tirol hat in der Geschichte von sich aus nie einen Angriffskrieg geführt. Aufgrund des Landlibells von Kaiser Maximilian aus dem Jahre 1511 waren die Tiroler nur verpflichtet, zur Verteidigung der Landesgrenzen auszurücken. Trotzdem geriet auch Tirol immer wieder in den Strudel der Ereignisse. Wie oft hört man heute die Fragen von jungen Leuten: Ja was hatten denn die Tiroler während beider Weltkriege außerhalb des Landes zu suchen? Für wessen Anliegen hatte der Tiroler in Galizien, in Frankreich, auf dem Balkan oder sogar in Afrika zu kämpfen? Leider wurden und werden kleine Völker immer wieder zum Spielball der Großen. Heute versteht kein Mensch mehr, dass sich Tiroler und Bayern bzw. Sachsen zu Andreas Hofers Zeiten gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben. Niemand von uns will einen Krieg, weil dieser letztlich nur Verlierer kennt. Aber man darf es sich auch nicht so einfach machen und aus der sicheren Warte einer - Gott sei Dank - langen Friedensperiode jene verurteilen, die mit dem Kostbarsten, nämlich mit dem Leben, zur Schaffung des heutigen vom Wohlstand geprägten Zustands beigetragen haben. Aber auch diese Medaille des Wohlstands hat eine Kehrseite, die gerne verschwiegen wird. Hinter der Fassade der vielen Prunkbauten, der rauschenden Feste und dem Tanz ums goldene Kalb haben wir zerrüttete Ehen, Suchtgefahren, versteckte Armut und eine schleichende Assimilierung, die teilweise bis zur Selbstaufgabe führt. Was würden uns die sagen, derer wir heute gedenken?
Viele unserer Vorfahren hatten große Ziele und Ideale, die sie wegen äußerer Umstände nicht verwirklichen konnten. Sie haben die Heimat geliebt und dafür war ihnen kein Opfer zu groß. Und hier müssen wir uns fragen: Sind wir heute bereit für Ideale wie Heimatliebe, Vaterliebe (Elternliebe), Wahrheitsliebe einzutreten, ohne dass wir dafür einen materiellen Lohn einstreichen können.
Darf es uns gleichgültig sein, wenn unsere geschichtlich gewachsenen Ortsnamen immer noch ausschließlich jene amtlichen Bezeichnungen haben, die ein gewisser Herr Tolomei erfunden hat?. Ortsnamen sind Denkmäler der Sprach- und Siedlungsgeschichte eines Volkes und daher in hohem Maße schützenswert. Ist es nicht bedenklich, wenn jene belächelt werden, die sich in diesem Bereich dafür einsetzen, dass vom Faschismus verordnete Fälschungen abgeschafft werden und unsere gewachsenen Ortsnamen wieder amtlich werden? Viele werden es nicht wissen oder auch nicht glauben, aber die deutschen und ladinischen Ortsnamen sind nur geduldet!
Ist es nicht anachronistisch, dass unweit von hier, in Gossensass, ein Beinhaus steht, das eine eklatante Geschichtslüge darstellt? Italien sollte sich dafür schämen. Warum folgt es nicht dem Beispiel Spaniens, das unlängst beschlossen hat, alle Denkmäler und äußere Zeichen des Franko-Regimes zu beseitigen? Warum zeigt uns Italien nicht einmal, dass es gewillt ist, Unrecht zu beseitigen? Von vertrauensbildenden Maßnahmen keine Spur.
Ein Volk ist so viel wert, wie es seine Toten ehrt.
Von uns wird heute nicht verlangt, dass wir das Leben aufs Spiel setzen. Wir brauchen nicht in den Krieg zu ziehen, wie unsere Väter und Großväter und seien wir dankbar dafür. Was wir aber an den Tag legen müssen sind: Einsatzbereitschaft, Zivilcourage und Kameradschaft. Es genügt nicht, wenn wir diese Tiroler Tugenden besingen und wie selbstverständlich in Anspruch nehmen, ohne sie selbst zu leben und ohne sie der Jugend vorzuleben. Solange wir dies nicht bewusst auch im Alltag tun, solange werden wir vor der Jugend nicht glaubwürdig sein. Die Jugend hat einen besonderen Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn wir sie darin nicht enttäuschen, wird sie sich uns und unserer Geschichte auch nicht entfremden.
Es gibt nie Patentlösungen. Was ich aber sicher weiß, ist, dass wir Tiroler wieder mehr die eigenen Geschicke selbst in die Hand nehmen müssen. Es liegt an uns, ob wir vom Verkehr überrollt werden und ob unsere Lebensinteressen auf dem Altar der europäischen, nicht selten von Amerika diktierten Interessen geopfert werden. Es liegt an uns, ob wir als Tiroler überleben wollen oder ob wir uns, aus falsch verstandener Toleranz, assimilieren, planieren und einebnen lassen. Es liegt an uns, ob wir unser schönes Land schützen, unsere Kulturlandschaft erhalten wollen oder ob wir wegen ein paar Silberlingen bzw. lumpiger Euros den Geschäftemachern freie Hand lassen. Es liegt an uns, ob wir durch eine kontrollierte Zuwanderung unter Berücksichtigung der Integrationsmöglichkeiten die Zukunft planen oder ob wir durch das Öffnen aller Schleusen die Weichen für eine Entwicklung stellen, die uns schadet und bei der wir in letzter Konsequenz zu Fremden in der eigenen Heimat werden. Und es liegt schlussendlich auch an uns, ob wir eine aussterbende Gesellschaft sind oder ob wir Kindern eine Zukunft bieten können. Das Schicksal und die Zukunft Tirols liegt auch bei jedem Einzelnen von uns. Das sollten wir bei dieser Gedenkfeier nicht vergessen!
Es gilt das gesprochene Wort.
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